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Angeklagter muss doch nicht in Haft

Das Urteil lautet: Versuchter Mord. Trotzdem muss der 79-Jährige, der mit seinem Opel einen Radfahrer angefahren und verletzt zurückgelassen hat, nicht ins Gefängnis. „Sie sollten unserem Herrgott dankbar sein!“, gab der Richter dem alten Herrn mit auf den Weg.

Großbottwar/Heilbronn. An einem Januarabend vorigen Jahres – die Temperatur lag unter null – war der 79-Jährige von einem Gaststättenbesuch mit zwei Bier und einem Rostbraten im Magen nach Hause gefahren. Den Radfahrer auf der Straße zwischen dem Holzweilerhof und Winzerhausen sah er zu spät, versuchte auszuweichen, nahm den Mann aber trotzdem auf die Kühlerhaube. Das Rad zerbrach in zwei Stücke, der Radler blieb mit einem Oberschenkelhalsbruch auf der Fahrbahn liegen, der Mann im Auto fuhr weiter. Am nächsten Tag drängte die Familie den Ehemann und Vater, sich der Polizei zu stellen. Die Anklage lautete auf fahrlässige Körperverletzung und versuchten Mord in Tateinheit mit Fahrerflucht. „Sie haben den Radfahrer zurückgelassen, obwohl Sie mit der Möglichkeit rechnen mussten, dass er lebensgefährlich verletzt war und vom nächsten Autofahrer hätte überfahren werden können“, hielt der der Staatsanwalt dem Angeklagten vor; zudem hätten in dieser Winternacht „lebensbedrohliche Witterungsverhältnisse“ geherrscht. Der Angeklagte habe den Tod des Radlers billigend in Kauf genommen, um den Unfall zu verdecken – womit das Mordmerkmal „Verdeckungsabsicht“ gegeben sei. Die Strafe dafür: Lebenslänglich.

Für den Angeklagten spreche allerdings auch einiges, meinte der Staatsanwalt. Vor allem eine verminderte Schuldfähigkeit aufgrund einer leichten kognitiven Störung, die ursächlich für die Unfallflucht gewesen sei. Außerdem habe der Angeklagte ein umfassendes Geständnis abgelegt und sogar selbst zwei – viele Jahre zurück liegende – tödlich verlaufene, Unfälle zur Sprache gebracht; an einem war er unschuldig, im anderen Fall hatte er eine Haftstraße verbüßt. Zudem habe er sich der Polizei gestellt und mit ihr kooperiert.

Auch die finanzielle Wiedergutmachung spreche für ihn. Vor der Verhandlung hatte der Angeklagte der Anwältin des Unfallopfers einen Umschlag mit 2200 Euro in die Hand gedrückt – der vom Richter dringend angeratene Täter-Opfer-Ausgleich. Sogar den Bericht in einer Boulevardzeitung mit fast unverpixeltem Foto zog der Staatsanwalt als strafmindernd heran: Die Darstellung sei stigmatisierend für den Angeklagten. Seine Forderung: Alles in allem zwei Jahre auf Bewährung mit der Auflage, sich in psychiatrische Behandlung zu begeben und Führerscheinentzug auf Lebenszeit. Die Anwältin des Unfallopfers schloss sich den Forderungen des Staatsanwalts an, im Großen und Ganzen auch der Verteidiger, der allerdings im Fall des Mordversuchs auf Freispruch plädierte. Sein Mandant sei halt ein bisschen behäbig, er sei im Schock weggefahren und „schnalle“ manches nicht so schnell, wie könne man da von Vorsatz sprechen?

Das Urteil des Gerichts lautete schließlich: Zwei Jahre Freiheitsstrafe auf vier Jahre Bewährung ausgesetzt, eine Zahlung von 6000 Euro für die Landesverkehrswacht, zwei Jahre verpflichtende psychiatrische Behandlung und: Nie wieder hinters Steuer.

„Sie hatten immenses Glück!“, sagte Richter Roland Kleinschroth: Ein nicht lebensgefährlich verletztes Unfallopfer, zwei „exzellent reagierende“ Autofahrerinnen, die den Radler von der Straße geholt hatten und eine unterstützende Familie. „Sehen Sie zu, dass Sie in den nächsten 20 Jahren keinen Mist bauen!“ Der Angeklagte sah noch nicht so hoffnungsvoll in die Zukunft: „Ich finde meine innere Ruhe nicht mehr, das ist das Schlimmste“, sagte er in seinem letzten Wort.

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