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Hoffnung der Pflegeheime ruht auf den Hausärzten

„Die Zweitimpfungen in den stationären Pflegeeinrichtungen des Landkreises sind abgeschlossen“, verkündet das Landratsamt Ende März. Doch was ist mit den Bewohnern, die erst nach den Impfrunden aufgenommen wurden und noch kein Vakzin erhalten haben? „Da gibt es viele Fragezeichen“, seufzt Stefan Ebert von den Kleeblattheimen.

Wer in ein Alten- oder Pflegeheim einzieht, ist im Gegensatz zu den meisten Bewohnern noch nicht geimpft. Statt – wie vom Sozialministerium empfohlen – darauf zu warten, dass 15 neue Impflinge zusammenkommen, setzen die Betreiber auf die Hausärzte.Ar
Wer in ein Alten- oder Pflegeheim einzieht, ist im Gegensatz zu den meisten Bewohnern noch nicht geimpft. Statt – wie vom Sozialministerium empfohlen – darauf zu warten, dass 15 neue Impflinge zusammenkommen, setzen die Betreiber auf die Hausärzte. Foto: stock.adobe.com

Kreis Ludwigsburg. Der 85-jährige Berthold K. muss in ein Pflegeheim, die häusliche Situation lässt sich nicht mehr länger halten. Immerhin finden seine Angehörigen relativ schnell einen freien Pflegeplatz im Landkreis, doch ein Problem gibt es: Die Bewohner der Einrichtung haben ihre Impfung gegen Covid-19 schon erhalten, Berthold K. ist ungeimpft. Und es ist unklar, wann der Senior den Impfstoff erhalten kann.

Situationen wie diese sind nicht selten in den Pflegeheimen des Landkreises. Und eine echte Lösung für dieses Problem gibt es nicht. Stefan Ebert als Geschäftsführer der Kleeblatt gGmbH, die 26 Häuser mit mehr als 700 Pflegeplätzen im Kreis betreibt, weiß ein Lied davon zu singen. Grundsätzlich kann ein mobiles Impfteam ein weiteres Mal in eine Einrichtung kommen, wenn die Zahl neu Aufgenommener und neuer Mitarbeiter eine Quote von 30 Prozent der Plätze erreicht; weniger umständlich formuliert: Bei 15 neuen Impflingen in einer Einrichtung gibt es eine weitere Impfrunde. Aber: „Wir haben ja mit unserer bewusst gewählten dezentralen Struktur eher kleinere Häuser mit maximal 30 Plätzen. Bis wir auf die geforderten Zahlen kommen, dauert es zu lang“, beschreibt Ebert das Dilemma.

Sich auf die Jagd nach Terminen in den Kreisimpfzentren zu machen, sei auch keine Lösung, bestätigt Daniel Groß als ASB-Regionalgeschäftsführer. „Die Pflegeheime werden da nicht bevorzugt behandelt, wir scheitern da genauso an den nicht verfügbaren Impfterminen wie alle anderen auch. Diese Variante scheidet definitiv aus.“ Der Arbeiter-Samariter-Bund, der im Landkreis Pflegeheime in Benningen, Großbottwar und Ludwigsburg betreibt, kämpft laut Groß wie die Kleeblatt gGmbH mit dem Problem zu kleiner Häuser. „Zu warten, bis wir 15 neue Bewohner beisammen haben, ist für uns kein gangbarer Weg“, so Daniel Groß.

Entsprechend setzen die Vertreter beider Einrichtungen ihre Hoffnungen auf die Hausärzte, die in der vergangenen Woche mit den Impfungen begonnen haben. „Wir sind da bereits in Gesprächen, bislang lassen sich die auch ganz gut an“, erklärt Daniel Groß. Auch für Stefan Ebert scheint die Zusammenarbeit mit den Hausärzten die vielversprechendste Variante zu sein.

Dazu rät im Übrigen auch das baden-württembergische Sozialministerium. „Perspektivisch“, so ein Sprecher auf Anfrage unserer Zeitung, könnten die Hausärzte in den Einrichtungen impfen. Grundsätzlich sei die Zahl 15 eine „Empfehlung“ des Ministeriums, „die den effizienten Einsatz der mobilen Impfteams sicherstellen soll.

Das schließt nicht aus, dass eine Einrichtung auch mit weniger Neuzugängen angefahren werden kann – das muss jedoch jeweils individuell vor Ort durch das zuständige Impfzentrum beziehungsweise durch die dortige Koordination der mobilen Impfteams bewertet werden. Deshalb raten wir betroffenen Heimen, sich direkt an das regional zuständige Impfzentrum zu wenden und in Absprache mit diesem eine geeignete, individuelle Lösung vor Ort zu finden“.

Doch bis eine solche Lösung gefunden ist, leben viele der neuen Bewohner ohne Impfschutz in den Pflegeheimen. Was für keinen der Träger infrage kommt, ist eine Isolation der Betroffenen. Mit einer Einschränkung: „Neuzugänge müssen negativ getestet sein und 14 Tage in Quarantäne“, beschreibt Daniel Groß das Vorgehen des ASB. Die Kleeblattheime setzen laut Stefan Ebert auf die strengen Hygieneregeln, vor allem aber auf die regelmäßigen Testungen aller Bewohner.

Besonders engmaschig werden neue und nicht geimpfte Bewohner in den Einrichtungen der Evangelischen Heimstiftung (EHS) in den ersten Tagen getestet, sagt Sprecherin Alexandra Heizereder. Die elf Häuser, die die Heimstiftung im Landkreis Ludwigsburg betreibt, gehörten zu den größeren. „Wir bemühen uns um eine möglichst schnelle Nachimpfung. Da die Hausärzte jetzt eingestiegen sind, wird sich die Situation sicher verbessern.“

Alexandra Heizereder weist zudem darauf hin, dass in fast allen EHS-Pflegeheimen bis Ende März eine Impfquote von über 80 Prozent bei den Bewohnern erreicht worden sei. „Wir sind jetzt genau da, wo wir seit Beginn der Pandemie sein wollen: an der Schwelle zur Normalität. Das bedeutet, dass wir im Rahmen der geltenden Corona-Verordnung erste Öffnungsschritte umsetzen können.“ Dazu gehörten zum Beispiel Gottesdienste an Ostern, die Zulassung von mehr und längeren Besuchen, und nur noch einen Test wöchentlich für die Bewohner, die ihre zweite Impfung erhalten haben.

Die EHS ist der Meinung, dass bei einer Impfquote von mehr als 80 Prozent weitere Lockerungen möglich sein müssen: Etwa die Aufhebung des Mindestabstands von 1,5 Metern, „so dass menschliche Nähe und Zuwendung wieder möglich werden. Dann könnten auch Cafeterien, mobile Mittagstische und Beschäftigungsangebote wieder uneingeschränkt geöffnet werden“, formuliert Alexandra Heizereder einige der Forderungen. Gestern hat das Sozialministerium Lockerungen angekündigt: Wenn 90 Prozent der Bewohner von Pflegeheimen geimpft sind, sollen demnach wieder mehr Besuche ermöglicht werden. Die Hygienemaßnahmen, insbesondere die Maskenpflicht und die Testung von Besuchern, würden aber weiter gelten.

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