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„Ich bin gekommen, um zu bleiben“

Ludwigsburgs neue Baubürgermeisterin setzt auf Stadtentwicklung, Wohnungsbau und Klimaschutz – Den Blick von außen möchte sie sich bewahren

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Foto: Holm Wolschendorf

Ludwigsburg. Bietigheim hat viele schöne Ecken. Haben Sie in Ludwigsburg schon einen Lieblingsplatz ausgemacht?

Andrea Schwarz: Ich bin schon verschiedene Male am Akademiehof gewesen, in der Außengastronomie, wo man schön sitzen kann, aber auch auf dem Marktplatz. Kürzlich waren wir beim Theatersommer mit dem verwunschenen Clussgarten. Es gibt sicher noch viele besondere Plätze, die muss ich noch entdecken. Vor vielen Jahren war ich in einem wunderschönen Biergarten, den würde ich gerne mal wieder besuchen.

War es der Badgarten mit den großen Kastanienbäumen?

Ich weiß es nicht mehr, das ist schon fast ein Vierteljahrhundert her.

Also gibt es tatsächlich noch was zu entdecken für Sie. Ihre Vorgängerin ist nach einem Jahr wieder gegangen, um Staatsrätin zu werden. Wie lange wollen Sie bleiben?

Möglichst lange. Ich bin schließlich gekommen, um zu bleiben. Ich freue mich auf den Job, es ist eine berufliche Station, die ich mit Bedacht ausgewählt habe. Ich hoffe, dass auch die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat so weitergeht, wie ich es im Vorfeld bereits erfahren habe.

Was heißt mit Bedacht ausgewählt? Was war für Sie ausschlaggebend?

Die Größe der Stadt gefällt mir gut, Ludwigsburg selbst gefällt mir gut. Auch die Aufgaben, die anstehen, sind äußerst spannend, da kann man schon einige Jahre damit verbringen.

Welche Aufgaben stehen aus Ihrer Sicht im Vordergrund? Es gibt ja ein breites Spektrum zu beackern vom Schulbau bis zur Stadtentwicklung.

Ludwigsburg steht vor ähnlichen Herausforderungen wie andere Städte in der Region Stuttgart. Der Wohnungsmangel ist ein Thema, das in der Coronakrise etwas in den Hintergrund gerückt, aber nach wie vor wichtig ist. Darin steckt sozialer Sprengstoff. Es gilt also, den Wohnungsbau voranzubringen, das ist im Sinne einer guten Entwicklung der Stadt und auch wichtig für die Region. Wobei der Ansatz, auf Innenentwicklung und Verdichtung zu setzen, richtig ist. Genauso wichtig sind für mich der Klimaschutz und die Klimaanpassung. Und wir müssen auch danach schauen, Gewerbe anzusiedeln oder Flächen zu reaktivieren. Dann gibt es noch viele Einzelprojekte wie den Bahnhofsbereich mit Nestlé-Areal oder das ZIEL-Projekt mit Schillerplatz und Arsenalplatz.

Zum Klimaschutz. Unter Ihrer Vorgängerin Frau Nießen ist ein Klimabündnis mit Bürgern ins Leben gerufen worden. Wollen Sie daran anknüpfen?

Das ist auf jeden Fall ein wichtiges Anliegen – in den Einzelthemen bin ich noch nicht so drin, ich werde mich aber bald damit befassen.

Bringen Sie eine Vision mit für die Barockstadt?

Es stehen ja schon viele Aufgaben an, da ist es wichtig, die Zielrichtung mit Gemeinderat und Bürgerschaft zu vereinbaren. Dann müssen wir schauen, wie wir in vielen kleinen Schritten dieses Ziel erreichen. Ich bin eher ein pragmatisch veranlagter Mensch, das hilft, die Aufgaben abzuarbeiten. Ich mag deshalb auch die Kommunalpolitik, die an konkreten Projekten arbeitet.

Die Grünen wollen alles unter dem Gesichtspunkt Klimaschutz sehen, die SPD will soziale Aspekte und den Wohnungsbau dem anderen überordnen, andere wiederum setzen aufs Sparen. Was spricht Sie mehr an?

Man muss mehrere Aspekte berücksichtigen. Wir brauchen den Wohnungsbau, nicht damit die Stadt wächst, sondern weil Wohnungen gebraucht werden. Ludwigsburg hat viele Arbeitsplätze, deshalb wollen viele in die Stadt ziehen. Die Firmen, die in der Stadt sind, müssen uns wichtig sein. Durch den Lockdown sehen wir, wie die Gewerbesteuer einbricht und sich die Finanzlage der Stadt verschlechtert. Deshalb müssen wir auch für Fachkräfte, die in Ludwigsburg arbeiten, Wohnraum anbieten können – was umgekehrt auch dabei hilft, den Verkehr in die Stadt herein zu verringern. Wer außerhalb wohnt, fährt sonst mit dem Auto in die Stadt und verstopft die Straßen. Den Klimaschutz werden wir berücksichtigen. Dabei ist klar, dass dies eine knifflige Aufgabe ist: Wir müssen innen verdichten, Wohnungen bauen, dürfen aber nicht alles zubetonieren und müssen für Grün in der Stadt sorgen. Wir brauchen auf jeden Fall begrünte Dächer, begrünte Fassaden, wir müssen Regenwasser auch im Innenstadtbereich nutzen. Das Prinzip nennt sich Schwammstadt. In Berlin gibt es ein Beispiel, wie man das Regenwasser nicht ins Abwasser leitet, sondern für die Bewässerung des Grüns in der Stadt und für Kühlung im Sommer nutzt. Wir brauchen das, wenn die Sommer immer heißer werden.

Seit Jahren wird über die Entwicklung des Schillerplatzes und Arsenalplatzes gesprochen, erst jüngst gab es eine Online-Bürgerbefragung. Wie bewerten Sie die bisherigen Pläne?

Ich denke, dass der eingeschlagene Weg richtig ist, die Plätze mit Blick auf den Finanzhaushalt in Stufen anzugehen. Bis Ende des Jahres werden die drei Siegerentwürfe überarbeitet. Auch wenn der Arsenalplatz in Schritten umgebaut wird, wird das Provisorium nicht wie eine Baustelle wirken.

Umbau des ZOB, Umbaupläne fürs Bahnhofsgebäude, das hinzugekaufte Nestlé-Areal – da gibt es harte Bretter zu bohren. In Bietigheim-Bissingen haben Sie auch schon große Gelände entlang von Bahngleisen entwickelt.

Das war das Bogenviertel, das Projekt Seewiesen und weitere Flächen, insgesamt rund 30 Hektar. Diese großen Flächen gibt es in Ludwigsburg nicht, aber der Bahnhof ist einer der wichtigsten Angelpunkte der Stadt. Zunächst im Hinblick auf die Mobilität, baulich sollte sich aber auf dem Areal bis zum Keplerdreieck etwas bewegen. Denkbar sind Büros, Dienstleistungen, Praxen, aber auch Wohnungen. Das ist eine hochpotente Fläche am Bahnhof, schon allein wegen der direkten Anbindung an den Nahverkehr. Am Keplerdreieck kann ich mir gut einen städtebaulichen Hochpunkt vorstellen.

Dann sind Sie bereits eine Expertin im Verhandeln mit der Bahn, was solche Flächen angeht?

Auch wenn ich über zehn Jahre in Bietigheim war, die Verhandlungen zum Güterbahnhofgelände sind vor meiner Zeit gelaufen. Ich war für die Stadtentwicklung zuständig, nicht für die Liegenschaften.

Sie treten jetzt eine Stelle an, die neu geschaffen wurde und nicht unumstritten war, gerade auch in Zeiten des Personalabbaus. Warum braucht Ludwigsburg eine Baubürgermeisterin?

Es ist wichtig, dass die Stadtentwicklung ein eigener Bereich ist und jemand die Fäden in der Hand hat. Für eine Stadt in der Größe wie Ludwigsburg ist das notwendig, auch mit Blick auf die vielen großen Projekte und Herausforderungen. In Bietigheim-Bissingen wird ebenfalls eine Stelle eines Baubürgermeisters neu geschaffen. Viele Jahre gab es dort keinen.

In Coronazeiten ist vieles ausgebremst worden, Projekte wurden geschoben. Gibt es noch genug zu tun?

Es hat sich manches verzögert. Präsenzveranstaltungen sind nicht möglich gewesen, Verwaltungen und Büros waren personell weniger besetzt. Dazu kommt, dass sich die Finanzlage verschlechtert hat. Deshalb wird man jetzt klären müssen, was unabdingbar ist und was geschoben werden kann. Da sind Verwaltung und Gemeinderat gefordert, die im Herbst den neuen Haushalt aufstellen werden. Das heißt aber noch lange nicht, dass alles auf null heruntergefahren wird. Die öffentliche Hand muss weiter investieren, alles andere wäre das falsche Signal. Auch ermöglichen die etwas wenigeren Projekte, sie intensiver zu betreuen, manches selbst abzuarbeiten und nicht extern zu vergeben. Auch das jeweilige Raumprogramm muss dann genauer unter die Lupe genommen werden.

Der Gemeinderat verweist immer wieder auf die hohen Baustandards und wünscht sich mehr Transparenz.

Ich bin dafür, schon zu einem frühen Zeitpunkt dem Gemeinderat die finanziellen Auswirkungen von Bauvorhaben darzulegen. Das kann nur ein grober Anhaltswert sein, der einen Vergleich zulässt – aber zu so einem frühen Stadium natürlich lange nicht alle Kostenpunkte enthalten kann. Aber die Stadträte müssen wissen, über was sie entscheiden. Dazu gehört natürlich auch gegenseitiges Vertrauen, damit später keine Vorwürfe kommen, weil die Kosten anders aussehen. Es geht darum zu zeigen, wie die Kosten zustande kommen. Das verstehe ich unter Transparenz. An den Baustandards zu sparen heißt allerdings, vor allem am Raumprogramm zu sparen. Bei den Baumaterialien lassen sich höchstens fünf bis zehn Prozent der Kosten reduzieren.

Als Baubürgermeisterin ist es von Vorteil, sich vor Ort gut auszukennen. Werden Sie nach Ludwigsburg umziehen?

Wir wohnen in Oberstenfeld schon seit vielen Jahren und fühlen uns dort wohl. Wir haben drei Kinder, sie gehen alle im Bottwartal in die Schule. Für sie ist es gut, wenn wir dort wohnen bleiben. Ich glaube auch, dass man von außen oft auch klarer sieht.

Das heißt, Sie werden pendeln.

Ja. Über die Bottwartalbahn wird zwar viel geredet, aber die wird es so bald nicht geben. Ich werde wohl auch mit dem Auto zur Arbeit fahren.

Sie werden also einen Dienstwagen beanspruchen? Ihre Vorgängerin hatte ja bekanntlich darauf verzichtet.

Das muss ich erst noch sehen. Jetzt habe ich zunächst mal einen Termin, um ein E-Bike der Stadt auszuprobieren. Das ist in jedem Fall mal ein Dienstfahrzeug. Das Rad werde ich sicher innerhalb des Stadtgebiets nutzen. Von Oberstenfeld her wäre eine Anfahrt doch etwas sportlich, das würde nur bei besserem Wetter gehen.

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