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In der Natur sind sich nicht alle grün

Fußgänger gegen Radfahrer, Jäger gegen Mountainbiker: Corona hat offenbar dafür gesorgt, dass es voller in Wald, Feld und Flur geworden ist. Das geht nicht ohne Konflikte über die Bühne.

Über Stock und Stein: Die Natur ist für Mountainbiker und sonstige Corona-Flüchtige zum idealen Erholungsort geworden. Foto: KopoPhoto/stock.adobe.com (Archiv)
Über Stock und Stein: Die Natur ist für Mountainbiker und sonstige Corona-Flüchtige zum idealen Erholungsort geworden. Foto: KopoPhoto/stock.adobe.com (Archiv)

Kreis Ludwigsburg. Vom Parkplatz Tammer See in Markgröningen sind es nur wenige Schritte zum Leudelsbach. „Die Natur hier ist wunderschön, um genussreich unterwegs zu sein“, sagt der Fußwegexperte Peter-Jürgen Gauß. Tatsächlich haben Gutachter im Auftrag der Stadt Markgröningen dem Bürgermeister Rudolf Kürner attestiert, dass kreisweit kein vergleichbar wertvolles Biotop zu finden ist, wie am unteren Leudelsbach bis zur Einmündung in die Enz.

Allerdings scheint die Harmonie in diesem Naturschutzgebiet seit einigen Monaten gestört zu sein, wenn man Peter-Jürgen Gauß zuhört. Der Remsecker stört sich an den „vielen durchbrausenden Radlern, die sich in der Regel nicht um die schöne Natur kümmern, Hauptsache, es geht sportlich schnell voran“.

Am eigenen Leib hat er im Leudelsbachtal erlebt, dass Fußgänger weggeklingelt oder genötigt werden. „Dabei ist, rechtlich gesehen, dieser Weg aus mehreren Gründen für Radfahrer verboten – es geht ja auch durch Natur- und Landschaftsschutzgebiete.“

Dieser Fall ist nicht der einzige, in dem unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen. Im Bottwartal geht der Steinheimer Erik Müller auf die Jagd – bevorzugt auf Schwarzwild. Den Wald betrachtet Müller auch als Garten, den er hegt und pflegt. Mit Unbehagen beobachtet er, dass offenbar immer mehr Mountainbiker das Gelände für sich erobern, mit gefühlt 100 Sachen den Berg hinunterheizen und auf derart steilen Wegen unterwegs sind, die kaum zu Fuß zu bewältigen sind. „Dabei brettern sie durch die Kinderstube und das Schlafzimmer der Tiere“, sagt der Jäger unserer Zeitung.

Müller sorgt sich auch um die Umwelt, weil E-Bike-Fahrer mittlerweile an Stellen kommen, die früher mit normaler Kraftanstrengung unerreichbar schienen. „Es ist zudem schwierig, mit den Leuten ins Gespräch zu kommen“, sagt er. Seit Corona würden die Betroffenen noch gereizter reagieren als vorher.

Tatsächlich scheint die Pandemie dafür zu sorgen, dass es die Menschen im Kreis wieder häufiger in die Natur zieht. Kürners Stadtbaumeister Klaus Schütze hat beobachtet, dass der Forst „als lokaler Erholungsraum einen enormen Mehrwert erfahren“ hat – um etwa der häuslichen Enge zu entfliehen. Grundsätzlich bewertet Schütze das positiv. Allerdings habe diese Entwicklung auch dazu geführt, dass häufiger Konflikte zwischen Spaziergängern und Radfahrern auftreten.

Am unteren Leudelsbach in Markgröningen fordert der Remsecker Gauß nun, dass die Stadt die Situation überprüft und sanktioniert. „Jeden Tag liegen hier Ordnungswidrigkeiten vor“, schreibt er dem Bürgermeister per E-Mail. „Ihre Behörde ist verpflichtet, diesen nachzugehen.“ Gauß ist allerdings auch befangen. Er spricht für die Fuß-Ortsgruppe Remseck und Umgebung. Sie versteht sich als Fußgängerlobby und kümmert sich um die Anerkennung und Wertschätzung dieser Verkehrsart.

Der Markgröninger Schultes kennt die Gegend aus eigener Anschauung. Unzählige Male ist er am unteren Leudelsbach mit seiner Frau unterwegs gewesen. „Das Gebiet ist sehr beliebt bei Spaziergängern, Hundeführern und Radfahrern“, sagt Kürner unserer Zeitung. „Es ist nicht unser Anliegen, eine dieser Gruppen dabei auszuschließen.“

Als ungünstig schätzt er die Beschilderung am Tammer See ein. Ein Verkehrszeichen verbietet dort die Durchfahrt für Fahrzeuge aller Art. Nur Anlieger sind ausgenommen. „Es kann nicht mehr nachvollzogen werden, ob und wann das so angeordnet wurde“, sagt Kürner. Eine Lösung könnte es aus seiner Sicht sein, das Schild zu ersetzen und nur Autos und Motorräder auszusperren. Das Thema will er mit dem Landratsamt besprechen. „Unser Ziel ist eine klare Beschilderung und ein verträgliches Miteinander bei der Freizeitgestaltung“, sagt der Markgröninger Rathauschef. „Einzelne Konflikte wird es immer geben.“

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