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„Notbetreuung, die faktisch keine ist“

Bei der Kinderbetreuung ist die Not groß: Erzieherinnen fordern weniger Belegung, Bürgermeister mehr Planbarkeit. Kommt bald eine Testpflicht für die Kinder?

Erzieherinnen können sich nur bedingt schützen. Beim Umgang mit Kindern tragen sie aus pädagogischen Gründen oft keine Maske. Foto: Uwe Anspach/dpa
Erzieherinnen können sich nur bedingt schützen. Beim Umgang mit Kindern tragen sie aus pädagogischen Gründen oft keine Maske. Foto: Uwe Anspach/dpa

Kreis Ludwigsburg. Lisa Heinrich liebt ihren Beruf und ist gerade deshalb besonders verärgert. Die Erzieherin arbeitet in der städtischen Kita Sonnenschein in Marbach, die wie die anderen Kinderbetreuungseinrichtungen im Land seit gestern wieder im Notbetrieb ist.

„Wieso heißt es für die Öffentlichkeit, Kitas seien geschlossen, wenn wir das faktisch nicht sind?“, fragt sie in einer E-Mail, die sie an zahlreiche Politiker auf Kreis- bis Bundesebene geschickt hat und die auch an unsere Redaktion ging. Denn während im Lockdown im Frühjahr 2020 nur Eltern in systemrelevanten Berufen Anspruch auf Notbetreuung hatten, wurde dieser inzwischen auf alle ausgeweitet, die bei der Arbeit unabkömmlich sind – auch im Homeoffice. „Die Folge daraus ist, dass das gesamte Team regulär arbeitet und die geplante Kontaktreduzierung quasi nicht vorhanden ist“, schreibt Lisa Heinrich. Für ihre Einrichtung mit derzeit rund 35 Kindern bedeute dies, dass bis auf etwa fünf Kinder alle Anspruch hätten.

Konkrete Anmeldungen für die Notbetreuung in den städtischen Einrichtungen lagen dem Marbacher Bürgermeister Jan Trost gestern um die Mittagszeit für gut ein Drittel der Kinder vor. Zwar sei absehbar gewesen, dass es bald wieder in die Notbetreuung geht, doch man wisse nie für wie lang: „Das Schlimmste für uns alle ist das ständige Hin und Her.“ Als Bürgermeister und als Vater würde er sich wünschen, dass es in den Kitas wie in den Schulen eine Testpflicht auch für die Kinder gibt. So könnte man auch die Erzieherinnen besser schützen. Die Stadt habe am Freitag Testkits an Eltern verteilt, die für ihre Kinder die Notbetreuung in Anspruch nehmen wollten, und sie gebeten, diese zu Hause anzuwenden.

In der benachbarten Gemeinde Murr wurden bis zum frühen Nachmittag 8 der 22 Kinder unter drei und 26 der 164 Kinder über drei für die Notbetreuung angemeldet. Zwar schreibt das Land inzwischen keine Bescheinigung über die Unabkömmlichkeit der Eltern vonseiten des Arbeitgebers mehr vor, doch in Murr wird sie laut Bürgermeister Torsten Bartzsch weiterhin verlangt. Diesmal sei die Notbetreuung absehbar gewesen und nicht so überraschend wie die Male davor gekommen. „Planungssicherheit wäre von Vorteil“, findet aber auch er. „Ich gehe fest davon aus, dass eine Testpflicht vom Land eingeführt wird“, so der Bürgermeister. Die Frage sei nur wann. Man bereite sich schon mal vor und tendiere zu Lollitests in den Einrichtungen.

In Großbottwar soll die Testpflicht schon im Laufe dieser Woche kommen, so Bürgermeister Ralf Zimmermann. Die Stadt werde die Tests stellen, die Eltern sollen sie zu Hause mit den Kindern anwenden. Bis gestern wurden in den städtischen Einrichtungen 85 von 320 Kindern für die Notbetreuung angemeldet.

Die Stadt Kornwestheim plant laut einer Pressemitteilung ab Mai eine Testpflicht für Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren in ihren Einrichtungen. Denn es wäre fatal, so Oberbürgermeisterin Ursula Keck, wenn sich zum Beispiel Beschäftigte in systemrelevanten Berufen wie Ärzte oder Pflegekräfte über ihre Kinder aus der Notbetreuung anstecken würden.

Doch besonders Erzieherinnen, die wie Lisa Heinrich mit Kindern unter drei Jahren arbeiten, die Nähe suchen und brauchen, wären dann noch immer nahezu ungeschützt. Auch ihre zwei Tests in der Woche ändern zumindest an diesem Risiko nichts. In Sachen Mund-Nasen-Schutz hält sich ihre Einrichtung an die Vorgaben des Landes: Zwar gilt für das Kitapersonal eine Tragepflicht, jedoch nicht im ausschließlichen Kontakt mit den Kindern. „Wenn wir direkt am Kind arbeiten, tragen wir den Schutz aus pädagogischen Gründen nicht“, so Lisa Heinrich. Etwa weil ein verdeckter Mund für die Kinder den Spracherwerb mitunter erheblich erschwere.

Das Vorgehen bei der Notbetreuung kritisiert nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur auch die Gewerkschaft Verdi. „Das Infektionsgeschehen gebietet mindestens einen Gleichklang der Regelungen in Kitas und Schulen. Davon sind wir immer noch meilenweit entfernt“, so Vize-Landeschefin Hanna Binder. Würden die Schulregeln gelten, müssten die Gruppengrößen in den Kitas bei einer Inzidenz zwischen 100 und nun 165 auf 50 Prozent reduziert werden. Bei über 165 dürfte die Notbetreuung nur noch für absolute Ausnahmen erlaubt werden.

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