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„Sie hätten Hilfe holen können“

Vor dem Landgericht Heilbronn steht seit gestern ein 79 Jahre alter, weißhaariger Mann. Die Anklage lautet drastisch: Versuchter Mord – beinahe begangen an einem Radfahrer. Was ist an jenem Januarabend 2019 geschehen?

GROßBOTTWAR/Heilbronn. Nach einem Treffen mit Schulkameraden in Mundelsheim – man hatte zwei kleine Bier getrunken und einen Rostbraten gegessen – hatte sich der Angeklagte in seinen Opel Meriva gesetzt um nach Hause nach Winzerhausen zu fahren. Unterhalb vom Holzweilerhof auf der Kälblingstraße habe er dann den Radfahrer vor sich „viel zu spät“ gesehen, er haben ihn „quasi auf die Haube genommen“ und sei dann wie im Schock einfach weiter und nach Hause gefahren.

Was tatsächlich geschehen ist, nannte der Staatsanwalt nicht nur fahrlässige Körperverletzung und Fahrerflucht, sondern versuchten Mord, denn: „Sie haben in Kauf genommen, dass ein Mensch getötet wird, um diese Straftaten zu verdecken! Sie hätten Hilfe holen können und haben es nicht getan!“

Der Radfahrer, ein 49-jähriger, derzeit arbeitsloser Maler, war damals mit seinem alten Stahlrennrad auf dem Heimweg von einem Ein-Euro-Job, als er von hinten einen Lichtkegel bemerkte. Dann „habe ich Schwerelosigkeit gefühlt, bis ich auf der Straße aufgeschlagen bin“. Der Sachverständige wird später einen „Flug- und Rutschabschnitt“ von 25 Meter Länge feststellen. Der Radler sagt, er sei aufgestanden, vor Schmerzen zusammengebrochen und auf der Straße liegengeblieben. So fand ihn eine Autofahrerin, die vorsichtig um den Mann herumfuhr und gemeinsam mit der nachfolgenden Autofahrerin die Unfallstelle sicherte, den äußerlich unverletzt wirkenden Mann ansprach und von der Straße zog. Im Krankenhaus stellte man einen Oberschenkelhalsbruch, Rippenprellungen und Schürfwunden fest. Sein Fahrrad fand man in zwei Teile gebrochen in einer Wiese. Ob die beiden hochwertigen Rücklichter gebrannt hatten, ließ sich nicht mit Sicherheit rekonstruieren; dass er, obwohl ohne Helm („Meiner war kaputt und ich hatte kein Geld für einen neuen“) ohne Kopfverletzungen davon gekommen war, nannte Richter Roland Kleinschroth „ein Riesenglück“. An den Unglücksfahrer gewandt fragte er: „Was würden Sie machen, wenn der nächste Autofahrer über den Mann drüber gefahren wäre?“ Der Angeklagte: „Ich weiß es nicht.“

Am nächsten Tag war die Unfallflucht Thema in der Presse, Ehefrau und Sohn drängten den Mann, sich zu stellen und riefen beim Polizeirevier in Marbach an. Das Auto wies geringe, aber deutliche Spuren des Unfalls auf, die Familie zeigte sich kooperativ. Als der Sohn in der Garage einen Strick fand und den Vater zur Rede stellte, drängte die Familie wegen Suizidgefahr auf stationäre Aufnahme in einer psychiatrischen Einrichtung – zumal es nicht die erste Unglücksfahrt gewesen war. Anfang der 80er Jahre hatte ein Gericht den Angeklagten nach einem Unfall, bei dem ein Mopedfahrer zu Tode gekommen war, zu einem Jahr und sechs Monaten Haft verurteilt; beide waren betrunken gewesen.

„Leichte kognitive Einschränkungen“ stellte der psychiatrische Sachverständige fest, eine „eingeschränkte Steuerungsfähigkeit“ sei deshalb nicht auszuschließen. Auf jeden Fall: „Zugriff auf einen Autoschlüssel darf er nicht mehr haben!“

Es spreche einiges für versuchten Mord durch Unterlassen, bilanzierte der Richter, man könne den Strafrahmen (lebenslänglich) aber mildern, wenn die Kammer ein kleines Zeichen tätiger Reue sehe. Die hatte bisher aus einem erst vor wenigen Tagen abgeschickten Brief bestanden, in dem der Angeklagte in wenigen dürren Sätzen „sich entschuldigen“ wollte. Das Urteil fällt nächsten Freitag.

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