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„Vor zehn Jahren so nicht denkbar“

Der dritte (zu) trockene Sommer in Folge macht den Wäldern im Kreis schwer zu schaffen. Die Bäume sind deutlich geschwächt und vielerorts besteht der geplante Einschlag ausschließlich aus geschädigtem Holz.

Herbststimmung im Hochsommer: So vertrocknet wie hier im Wald bei Bönnigheim ist die Waldvegetation vielerorts im Kreis. Fotos: Ramona Theiss
Herbststimmung im Hochsommer: So vertrocknet wie hier im Wald bei Bönnigheim ist die Waldvegetation vielerorts im Kreis. Foto: Ramona Theiss
An vielen Bäumen zeigen sich Trockenschäden.
An vielen Bäumen zeigen sich Trockenschäden.
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Kreis Ludwigsburg. Wenn Ralf Zellin im Sommer 2020 durch die Wälder im Landkreis Ludwigsburg streift, „dann mit sehr tiefen Sorgenfalten“, so der stellvertretende Leiter des Fachbereichs Wald im Landratsamt. Die Folgen der Trockenheit sind auch für ungeübte Augen deutlich zu erkennen: Braune Blätter, vertrocknetes Gras, dürre Äste. Hohe Temperaturen und viel zu wenig Regen, und das im dritten Jahr in Folge: Diese Kombination hinterlässt tiefe Spuren in den Wäldern des Kreises, der mit einem Anteil von 18,5 Prozent Wald an der gesamten Fläche ohnehin der waldärmste Landkreis in Baden-Württemberg ist.

„Die Bäume leiden relativ stark unter diesen Bedingungen, sie sind geschwächt und wir haben immer mehr Ausfälle“, sagt der Forstexperte. Dennoch relativiert Ralf Zellin: Im bundesweiten Vergleich sei man immer noch relativ gut dran. Das liege an der „bunten Mischung“ von Baumarten wie Buche, Hain- und Rotbuche, Stil- und Traubeneiche, Douglasie, Fichte und Kiefer. Monokulturen wie etwa im Harz, wo die Fichtenbestände hektarweise absterben, gibt es im Landkreis nicht.

„Hier hat man schon relativ früh festgestellt, dass die Fichte von den klimatischen Bedingungen her nicht passt. Deshalb ist jetzt auch das Borkenkäferproblem nicht so groß“, erläutert Zellin; im Bottwartal habe man einen leichten Befall registriert. Der gefräßige Schädling befällt mit Vorliebe Fichten und gibt den durch die Trockenheit ohnehin schon geschwächten Nadelbäumen den Rest.

Wo es sehr wenig geregnet hat, zum Beispiel im Westen des Landkreises, schützen sich die Bäume, indem sie teilweise schon in den Herbstmodus gehen. Die Blätter verfärben sich und werden abgeworfen. Etwas besser ist die Situation dagegen im Hardtwald im Nordosten des Kreises, dort profitiert der Wald vom Steigungsregen, den die Höhen des Schwäbisch-Fränkischen Waldes hervorrufen.

Die Förster haben für die einzelnen Reviere schon Ende vergangenen Jahres geplant, wie viel Festmeter Holz 2020 eingeschlagen werden sollen. Laut Zellin besteht in vielen Bereichen der reguläre Einschlag nur aus Schadholz. „Da werden zum Beispiel absterbende Bäume entfernt, um dem Rest zu helfen und die Wasserkonkurrenz zu entschärfen.“ Außerdem müssen die Forstleute die Verkehrssicherung an Straßen und entlang von Waldwegen im Blick haben: Ein Sturm wie der gestern hat mit geschwächten Bäumen vergleichsweise leichtes Spiel.

Was Ralf Zellin richtig Kopfzerbrechen bereitet, ist das Tempo des Klimawandels: „Das, was wir jetzt sehen, war vor zehn Jahren so nicht denkbar.“ Die Bäume hätten keine Chance, sich so schnell an die veränderten Rahmenbedingungen anzupassen. Deshalb versuchten die Waldbesitzer – im Landkreis sind gut 9000 Hektar und damit rund 72 Prozent Kommunalwald – auf den Klimawandel mit einer möglichst breiten Streuung von Baumarten zu reagieren. So finden sich unter den Neupflanzungen zum Beispiel die als relativ trockenresistent geltende Eiche, aber auch Elsbeere und Speierling. Auf speziellen Versuchsflächen wird laut Zellin mit dem Anbau von Atlaszeder, Schwarzkiefer und anatolischem Baumhasel experimentiert. Das sind Arten, die aufgrund ihrer Herkunft schon besser an die Trockenheit angepasst sind.

„Wir hoffen, dass wir mit dieser Strategie gut aufgestellt sind, aber niemand weiß, welche Veränderungen noch kommen“, sagt Waldexperte Zellin und verweist auf das Beispiel Esche. Die hielt man für eine robuste Baumart, bis vor zehn Jahren das Eschentriebsterben einsetzte, eine durch einen Pilz verursachte Krankheit. Sie hat die Bestände auch im Landkreis bereits massiv dezimiert, weil die Bäume brüchig werden und gefällt werden müssen.

Trockenheit

Waldbrandgefahr ist noch nicht gebannt

Trotz der Niederschläge am Wochenende und deutlich gesunkener Temperaturen besteht aufgrund der extremen Trockenheit immer noch eine erhöhte Waldbrandgefahr. Allerdings schätzt Ralf Zellin die Gefahr, „dass hier flächig der ganze Wald abbrennt“ als nicht allzu hoch ein. Zum Glück habe man im Kreis Ludwigsburg keine hohen Nadelholzanteile und die Laubbäume seien überwiegend noch grün. Aus diesem Grund seien vor zwei Wochen auch nicht alle Grillplätze gesperrt worden, sondern nur einzelne in Absprache mit den jeweiligen Kommunen. Die größere Gefahr sieht der Forstexperte in einem Grasbrand. Die ausgetrockneten, verdorrten Halme könnten – auch an Waldrändern – durch eine weggeworfene Zigarettenkippe schnell Feuer fangen. (fri)

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