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50 Jahre Theo-Lorch-Werkstätten

Arbeit für Menschen mit Handicap

In dem halben Jahrhundert ihres Bestehens haben sich die Theo-Lorch-Werkstätten als Arbeitgeber im Landkreis Ludwigsburg etabliert: An vier Standorten mit fünf Häusern in Ludwigsburg, Bietigheim-Bissingen und Großbottwar finden 850 Beschäftigte mit Handicap Arbeit, Bildung und Förderung.

Die Theo-Lorch-Werkstätten in Ludwigsburg – einer von mehreren Standorten im Landkreis.Foto: privat
Die Theo-Lorch-Werkstätten in Ludwigsburg – einer von mehreren Standorten im Landkreis. Foto: privat

Ludwigsburg. Angesichts dieser Zahlen ist kaum vorstellbar, wie bescheiden die Anfänge im Jahr 1969 waren. Erst sechs Jahre zuvor war die Schulpflicht für geistig behinderte Menschen eingeführt worden. Doch was sollten die Kinder machen, nachdem sie die Schule verlassen hatten? Diese Frage trieb einige Eltern von behinderten Kindern um.

Zu diesem Gründungskreis gehörten auch der damalige Leiter der Karlshöhe, Theodor Lorch, und Kurt Kuntz, Vorsitzender der Lebenshilfe Ludwigsburg. Am 3. September 1969 wurde der Verein „Werkstatt für Behinderte in Ludwigsburg“ auf der Karlshöhe gegründet. Theodor Lorch wurde erster Vorsitzender des Vorstands und leitete viele Jahre den Verein, der im Jahr 2005 zur gemeinnützigen Theo-Lorch-Werkstätten GmbH umfirmierte. Gestartet wurde mit 30 Arbeitsplätzen auf der Karlshöhe, dort wurden in erster Linie Teppiche gewebt.

Das ist inzwischen Vergangenheit. „Die Theo-Lorch-Werkstätten haben sich mit großen industriellen Playern zusammengetan“, sagt Geschäftsführer Stefan Wegner im Gespräch. Zu den Auftraggebern der Werkstätten gehören Ludwigsburger Unternehmen wie der Werkzeugdienstleister Hahn + Kolb, der Filterhersteller Mann + Hummel oder Valeo. In den folgenden Jahren wuchs auch die Zahl der Arbeitsplätze kontinuierlich: Werkstätten in Bietigheim-Bissingen und Großbottwar entstanden, 1996 wurde der Neubau an der Aldinger Straße bezogen, wo sich auch die Verwaltung befindet.

An der Kastanienallee in Ludwigsburg sind Menschen mit psychischen Erkrankungen beschäftigt, am Standort Hohenzollernstraße stehen die berufliche Bildung und das Jobcoaching im Fokus. Eines hat sich in all den Jahren aber nicht verändert: Beschäftigt werden Menschen, die nicht, nicht mehr oder noch nicht am ersten Arbeitsmarkt teilnehmen können. Die Werkstätten verstehen sich als ganz normaler Marktteilnehmer, nur eben mit einer besonderen Klientel. „Dabei handelt es sich um engagierte, freundliche Mitarbeiter, die einfach nur arbeiten wollen“, so der Geschäftsführer.

Gibt es genug Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap? „Der Bedarf im Förder- und Betreuungsbereich wird in den nächsten Jahren steigen“, ist Stefan Wegner überzeugt. Menschen, die aufgrund ihrer Behinderung nicht oder noch nicht in einem der werkstatteigenen Arbeitsbereiche tätig sein können, finden hier eine ganzheitliche Assistenz und eine Tagesstruktur.

Mit dem Ende der Sommerferien werden neue Mitarbeiter aufgenommen. Alle Neuankömmlinge starten im Berufsausbildungsbereich. Dort absolvieren sie eine zweijährige Grundausbildung. Auf diese Weise sollen sie einen Arbeitsplatz in den Werkstätten bekommen, der ihren Interessen und Fähigkeiten entspricht, oder auf den allgemeinen Arbeitsmarkt vermittelt werden. Grundsätzlich haben Menschen mit Behinderung ein Wunsch- und Wahlrecht bei der Auswahl eines für sie geeigneten Arbeitsplatzes. Wegner weist darauf hin, dass es sich bei einer Werkstatt für Behinderte grundsätzlich um eine Reha-Einrichtung handelt, mit der Aufgabe, Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln. Das ist eine schwierige Aufgabe: Wegner verweist auf die bundesweite Vermittlungsquote von 0,2 Prozent.

Stolz ist er auf die hohe Zahl an betriebsintegrierten Arbeitsplätzen, dieses Angebot gibt es seit dem Jahr 2001. Hier kommen die Jobcoaches ins Spiel: Die Mitarbeiter der Werkstätten beraten Unternehmen und geben den Beschäftigten Rückhalt. 116 Beschäftigte der Werkstätten gehen einer Tätigkeit in einem Betrieb nach. Ausgelagerte Arbeitsplätze gibt es in zehn Unternehmen: Das Kleeblatt-Pflegeheim gehört ebenso dazu wie das Logistikunternehmen Müller, der Discounter Aldi in Murr und ein großes schwedisches Möbelhaus. „Die Möbel, die Sie bei Ikea in der Fundgrube kaufen, sind von unseren Mitarbeitern montiert worden“, erklärt Isabell Brando, Pressesprecherin der Theo-Lorch-Werkstätten. Ziel sei es, behinderten Menschen einen Platz mitten in der Gesellschaft zu geben und ihnen eine langfristige Perspektive zu bieten. Hinzu kommen 66 sogenannte Regie-Arbeitsplätze im Team Hauswirtschaft, in der Verwaltung, in der Garten- und Landschaftspflege oder in der Malerwerkstatt, bei denen die Beschäftigten auch außerhalb der Werkstätten tätig sind. Wegner hat mit Blick auf weitere Betätigungsfelder durchaus neue Ideen.

Die nachlassende Konjunktur betrachtet er mit Sorge: „Wir spüren, dass die Aufträge zurückgehen“, so Wegner. Als eine Maßnahme habe man deshalb die Akquise verstärkt. Wenn ein Unternehmen merke, dass es im Herstellungsprozess einen Arbeitsschritt gebe, der nicht passe, können die Werkstätten für Behinderte ins Spiel kommen. „Als waschechter Dienstleister und Problemlöser“, wie Wegner betont. Durch die Zusammenarbeit könnten Produktionsabläufe optimiert werden. Allerdings bezweifelt er, dass dies allen Unternehmen bewusst ist. Hier verweist er auf die Zertifizierung 9001 nach Industriestandard. „Wir sind dazu verpflichtet, solch eine Qualität zu liefern, wie sie benötigt wird.“ Auch der Digitalisierung will man Rechnung tragen: 2020 soll mindestens ein Arbeitsplatz in der Produktion als Pilotprojekt mit Assistenzsystem ausgestattet werden.

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