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Kirche

Große Freude – auch ohne Gesang

Seit Sonntag dürfen wieder Gottesdienste gefeiert werden – In Großbottwar gab es gleich drei zum Auftakt

Höchstens zwei Besucher durften in einer Reihe sitzen, für Paare gab es Ausnahmen.
Höchstens zwei Besucher durften in einer Reihe sitzen, für Paare gab es Ausnahmen.
Desinfektion an der Säule.Fotos: Holm Wolschendorf
Desinfektion an der Säule. Foto: Holm Wolschendorf
Statt der Gemeinde singt Matthias Nägele.
Statt der Gemeinde singt Matthias Nägele.
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Großbottwar. Warten oder nicht? Nach der coronabedingten Zwangspause von acht Wochen, durften die Kirchen gestern offiziell zum ersten Mal wieder Gottesdienst feiern. Die Meinungen, ob man gleich den ersten Termin nutzen, oder doch lieber noch eine Woche warten sollte, waren in den evangelischen und katholischen Gemeinden im Landkreis geteilt. Die einen nutzten das erste Datum, andere verschoben den Gottesdienstbeginn auf den kommenden Sonntag. In Großbottwar, wo die große Martinskirche schon an ganz normalen Sonntagen mit 300 Gläubigen gut gefüllt ist, ließ man sich die Gelegenheit nicht entgehen und feierte gleich drei Gottesdienste hintereinander. „Die Menschen hatten eine große Sehnsucht nach Gemeinschaft,“ sagte Pfarrer Friedemann Kuttler während einer Pause zwischen zwei Gottesdiensten.

Wie alle Gemeinden, die gestern in die Kirche einladen wollten, hatte auch die evangelische Gemeinde in Großbottwar Vorkehrungen getroffen. Die Wichtigste betraf den Abstand. Abwechselnd durften in den Bänken zwei Personen oder nur eine Person sitzen; im Seitenschiff gab es Familienplätze, alle Plätze waren mit einer Nummer gekennzeichnet. Ursprünglich war geplant, dass sich jeder Gottesdienstbesucher mit Nummer und Namen in eine Liste eintragen muss, damit man gegebenenfalls Infektionen zurückverfolgen kann. Die evangelische Landeskirche hatte dann jedoch davon wieder Abstand genommen.

Am Eingang regelte Mesnerin Christa Kranich den Verkehr: „Gehen Sie g’schwind einen Schritt zur Seite!“ So war der Abstand wieder hergestellt. An einer Säule klemmte mit Schraubzwinge anmontiert ein Desinfektionsmittelspender an einer Holzlatte; wer keine Maske dabei hatte, durfte in die Kiste greifen, wo versiegelt Dutzende jener Masken lagen, die Jugendreferentin Maria-Elaine Seeberger mit dem Nähtreff hergestellt hatte; 700 sollen es insgesamt gewesen sein. Im Kirchenschiff war das Tragen der Maske freigestellt. Wer auf der u-förmigen Empore der schlicht-eleganten Martinskirche sitzen wollte, musste jedoch eine tragen. Warum? Weil Tröpfchen beim Husten oder Niesen nun mal nach unten fallen.

Pfarrer Friedemann Kuttler und sein Kirchengemeinderat hatten mit einem guten Besuch des Gottesdienstes gerechnet und deshalb das Angebot entzerrt: Der erste Gottesdienst fand um 9 Uhr in der Michaelskirche im Teilort Winzerhausen statt, zwei weitere mit einer halben Stunde Pause dazwischen in der Martinskirche in Großbottwar. 100 Besucher hatten dort Platz, 60 in Winzerhausen. Ganz so viele kamen dann doch nicht – 40 waren es in Winzerhausen, 60 beim ersten Gottesdienst in Großbottwar. Familien mit Kindern und Ältere seien wohl sicherheitshalber noch zu Hause geblieben, sagte ein strahlender Pfarrer Kuttler, dem man sofort glaubte, dass er sich sehr auf diesen ersten Gottesdienst gefreut hat. Für die Zuhausegebliebenen gab es einen Livestream.

In den vergangenen Wochen hatte sich die Gemeinde ohnehin einiges einfallen lassen, um die Mitglieder aufzufangen. Ein Technik-Team um Holger Strobel hatte den Gottesdienst aufgezeichnet, die Liedtexte eingeblendet und alles ins Internet gestellt. Zwischen 500 und 1200 Klicks hatte das jedes Mal gegeben, bei der 15-minütigen Predigt sei nie jemand ausgestiegen, „und wir sind nicht selbst davorgesessen und haben geklickt!“ versicherte der Pfarrer schmunzelnd.

Bei den Gottesdienstbesuchern schwankte das Urteil zwischen Freude und Bedauern. Freude, darüber, „dass man sich endlich wieder treffen kann!“ wie Hans Nestel sagte, ein ehemaliger Kirchengemeinderat aus Hof und Lembach. Und Bedauern darüber, dass man ausgerechnet am Sonntag Kantate („Singet!“) eben nicht singen durfte. „Das war schon komisch, singen gehört doch dazu!“ sagte Monika Franz, die mit ihrer Tochter Lea extra früh gekommen war, um ganz bestimmt noch einen Sitzplatz zu ergattern. Eine seltsame Stille war Tochter Lea aufgefallen: „Sonst redet man halt immer noch miteinander, ehe es losgeht.“

Ganz auf Gesang mussten die Gottesdienstbesucher dann doch nicht verzichten. Matthias Nägele spielte nicht nur auf der Orgel, sondern sang auch die beiden Gemeindelieder als Solo und begleitete sich auf dem Klavier. Und Pfarrer Kuttler sprach so begeistert über die Bedeutung des Singens und der Musik, dass sicher nicht nur einer der Gottesdienstbesucher mit dem Choral „Lobe der Herren“ auf den Lippen nach Hause gegangen sein dürfte.

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