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Natur

Historisches Aquädukt in Gronau: Kampf um einmaligen Mini-Urwald

Kleindenkmal muss weichen für Ausgleichsmaßnahme für zwei Rückhaltebecken für den Hochwasserschutz

Trotz seiner idyllischen Wirkung soll das Aquädukt in Gronau abgetragen werden. Foto: Ramona Theiss
Trotz seiner idyllischen Wirkung soll das Aquädukt in Gronau abgetragen werden. Foto: Ramona Theiss

Oberstenfeld. „Man muss um die ganze Welt reisen, um so etwas Schönes zu finden“, schwärmt Heinrich Schneider. „Das ist ein richtiger Mini-Urwald drum herum“, sagt seine Frau Susanne. Ein historisches Aquädukt, über das die Kurzach zu den Mühlen geführt wurde und das mitten in einem Naturdenkmal liegt, soll abgebrochen werden. Hintergrund: Für den Bau der zwei Hochwasserschutzbecken im Kurzacher und Prevorster Tal muss ein Ausgleich geschaffen werden. Nach dem Abriss kann das Betonrohr im Bach beseitigt werden und können Fische laut EU-Gewässerrichtlinie freien Durchlauf in Richtung Quelle erhalten. Dieser Plan ruft Empörung bei Naturschützern hervor. Es formiert sich Widerstand. Der BUND Heilbronn-Franken hat im Planfeststellungsverfahren Widerspruch eingelegt.

Denn das rund 8000 Quadratmeter umfassende Gelände ist als Naturdenkmal Benzleswiesen ausgewiesen. „Das ist ein kleines Naturwunder“, schwärmt Susanne Schneider, die hier als Kind gelebt hat, nachdem sie nach dem Bombenangriff auf Heilbronn 1944 aufs Land evakuiert worden war. Susanne Schneider erinnert sich noch gut an die Wiesen, die voller Blumen wie Vergissmeinnicht, Milchkraut und Findelblumen standen. Früher habe es hier Störche gegeben und Frösche, die Konzerte veranstalteten, dass es einem manchmal schon fast zu laut wurde, erinnert sie sich. In der Würdigung des Naturdenkmals durch die Naturschutzbehörde im Landratsamt Ludwigsburg sind Amphibien, Kleinsäuger und Vögel erwähnt, das Feuchtgehölz sei abwechslungs- und artenreich. Es sei ein Baustein im Biotopverbundsystem, sowohl von Tierarten von Waldgebieten als auch für Arten feucht-nasser Standorte. Hinter dem Aquädukt liegt zudem das alte Gronauer Naturfreibad mit verwilderten Liegewiesen.

Das Aquädukt ist zum Teil gut erhalten, der Mühlkanal wurde darüber betoniert. „Das ist ein Kulturdenkmal“, betont Brigitte Bock vom Historischen Verein Bottwartal, der das Kulturdenkmal erhalten und die Klassifizierung des Landesdenkmalamtes als „nicht schützenswert“ nicht akzeptieren will. Das Landesdenkmalamt argumentiert, dass nur Kenner die Funktion nachvollziehen könnten. Der Zustand sei nicht denkmalwert, der Mühlkanal unterbrochen. Das Bauwerk sei nicht selten genug, es gebe besser erhaltene Beispiele.

Die Ausgleichsmaßnahme für die Becken sehe die Wiederherstellung der ökologischen Durchgängigkeit der Kurzach innerhalb eines 200 bis 300 Meter langen Abschnitts vor, erläutert das Landratsamt Ludwigsburg. Diese Strecke liege zum Teil innerhalb des Naturdenkmals. Im Planfeststellungsverfahren würden sämtliche Belange gegeneinander abgewogen und die vom Vorhaben ausgehenden Beeinträchtigungen öffentlicher und privater Interessen auf das unabdingbare Maß begrenzt, heißt es.

Was Susanne Schneider zudem nachts kaum schlafen lässt, ist die Tatsache, dass das Schild, das die Fläche als Naturdenkmal auswies, vor einigen Tagen offensichtlich professionell entfernt worden sei, so ihre Einschätzung. Dazu ist dem Landratsamt allerdings nichts bekannt.

Das Ehepaar Schneider macht selbst einen Vorschlag zum Ausgleich: Man könne die Kurzacher Talaue aufweiten, da die Durchlässigkeit der Kurzach ohnehin nicht realisiert werden könne, da auch noch ein Wehr nach dem Aquädukt folge. Man müsse nur die hochgewachsenen Erlen einkürzen, damit sich die Störche wieder wohlfühlen könnten. An der Kreisgrenze könne man die in den 50er Jahren gepflanzten Fichten für den Christbaumverkauf entfernen und Wiesen anlegen als Nahrungsgrundlage für die Störche. In diesem Kontext könnte man die ganze Fläche als Kultur- und Naturdenkmal ausweisen und habe so eine bessere Ausgleichsmaßnahme. Dies sei nicht vorgesehen im landschaftspflegerischen Begleitplan, heißt es aus dem Landratsamt.

„Sehr schade“ findet es zwar Bürgermeister Markus Kleemann, dass das Aquädukt verschwinden soll, aber 2019 sei die Maßnahme im Gronauer Ortschaftsrat, im Gemeinderat und im Zweckverband Hochwasserschutz diskutiert worden, ohne dass sich Protest geregt hätte. Die Experten seien der Meinung gewesen, dass die Ausgleichsmaßnahme die Situation verbessere. Darauf habe man sich verlassen. Die Entscheidung liegt nun beim Regierungspräsidium Stuttgart.

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