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Kanzlerkandidatur

Stimmen aus dem Kreis zur Nominierung der Kanzlerkandidaten: Schwarzes Geholze, grünes Signal

Mitten in der Nacht erzwingt Armin Laschet die Entscheidung der K-Frage in der Union. Die Grünen küren ihre Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock dagegen ohne Gepolter. Stimmen aus dem Landkreis Ludwigsburg.

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Foto: privat

Kreis Ludwigsburg. Die Würfel fallen am frühen Dienstagmorgen. Um 0.33 Uhr sickert durch, dass sich 31 Mitglieder des CDU-Bundesvorstands für ihren Parteichef Armin Laschet als Kanzlerkandidaten aussprechen, neun sind für seinen Kontrahenten, den bayerischen Ministerpräsidenten Markus Söder, sechs enthalten sich. Der CSU-Vorsitzende zieht wenige Stunden später, am Dienstagmittag, zurück.

„Die Entscheidung kommt spät, aber nicht zu spät“, sagt der CDU-Kreisvorsitzende Rainer Wieland zur Kandidatensuche seiner Partei. Mit Blick auf die zurückliegenden Wochen spricht der Gerlinger Wieland, der seit 2009 einer von 14 Vizepräsidenten des Europäischen Parlaments ist, von einem „schwierigen Prozess“. Der Ludwigsburger Bundestagsabgeordnete und Staatssekretär Steffen Bilger räumt gegenüber unserer Zeitung ein: „Sicherlich waren die vergangenen Tage nicht gut für die Union.“

Ob sie sich als Söderianer oder Lascheteers sehen, wollen sie am Dienstag nicht mehr beantworten. „Das ist Schnee von gestern“, sagt Wieland. Den Rheinländer Laschet bezeichnet er als „guten Kandidaten“. Seine Partei fordert er zur Geschlossenheit auf. „Wer glaubwürdig für die Einheit der Union eintreten will, der stellt sich jetzt hinter unseren Kandidaten.“

Einer, für den das Wahlergebnis der CDU im kommenden September besonders wichtig werden wird, ist der Besigheimer Fabian Gramling, der in der vergangenen Legislaturperiode noch im Stuttgarter Landtag saß und nun im Wahlkreis Neckar-Zaber als Nachfolger von Eberhard Gienger auf dem Sprung in den Bundestag in Berlin ist. Den zuweilen ruppig geführten Machtkampf zwischen Söder und Laschet, „zwei starke, erfahrene Ministerpräsidenten“, hat er offenbar nicht als grundsätzlich negativ empfunden. „Wir hatten eine breite und öffentliche Diskussion“, sagt Gramling, „jedenfalls mehr als bei den Grünen.“ Die hätten ihre Kandidatin Annalena Baerbock „im Hinterzimmer oder welchem Zirkel auch immer“ ausgesucht. Über den nun ermittelten Kanzlerkandidaten sagt Gramling aber auch: „Ich bin froh, dass wir eine Entscheidung haben.“

Am Spitzenmann der Union schätzt Gramling, dass „er Menschen zusammenführen kann“. Das könnte in seinen Augen in den kommenden Monaten und gerade nach der Pandemie, die überall Wunden geschlagen habe, noch wichtig werden. „Ich gehe jedenfalls zuversichtlich in die Wahl“, sagt Gramling – wie sein Parteifreund Bilger. „Wir werden jetzt die Reihen schließen und den Wahlkampf vorbereiten“, sagt er.

Dazu gehört für die CDU, den politischen Gegner ins Visier zu nehmen: die Grünen. „Sie haben gelernt, was wir verlernt zu haben scheinen“, sagt der Kreisvorsitzende Wieland. Damit meint er, eine Kandidatin wie Baerbock ohne Geholze auszuwählen. Noch immer hat er zudem ein Wahlplakat des Ministerpräsidenten Kretschmann im Gedächtnis, mit dem er in der Mitte wilderte. Der Slogan: „Sie kennen mich“ – ein Merkel-Zitat.

Gramling will die grüne Kanzlerkandidatin inhaltlich stellen, sei es bei der Vermögenssteuer oder beim Ehegattensplitting, das die Grünen abschaffen wollten. „Bisher sind dazu von Frau Baerbock nur Alibi-Argumente gekommen.“ Außerdem sei in schwierigen Zeiten eines gefragt: Erfahrung, die der CDU-Kandidat Laschet, 60, als NRW-Ministerpräsident im Gegensatz zur 20 Jahre jüngeren Baerbock verkörpere.

Dafür stehen laut einer Umfrage des Nachrichtenmagazins Der Spiegel acht von zehn Grünen-Anhängern hinter ihrer Frontfrau – zum Beispiel die Ludwigsburger Bundestagskandidatin Sandra Detzer. Baerbock zur Kandidatin zu küren, sei eine sehr kluge Entscheidung gewesen, sagt sie. Baerbock sei sachkundig, sympathisch und zeige, wie moderne Führung aussehen könne. „Sie steht für einen kooperativen, sachorientierten und zukunftsorientierten Führungsstil – das ist wichtig in Zeiten, in denen sich die Konkurrenz schwertut“, sagt Detzer und fügt gleich einen weiteren Seitenhieb in Richtung CDU hinzu: „Solche Typen, die mit Leidenschaft, Kraft und Überzeugung dabei sind, braucht es momentan, während andere mit Maskenskandalen kämpfen.“ Die Grünen-Landesvorsitzende zeigt sich froh, dass die K-Frage in einem „solidarischen und reibungsarmen Prozess“ geklärt wurde. Bei der Bedeutung dieser Frage sei das keine Selbstverständlichkeit. „Es spricht für uns, dass wir sie konstruktiv und geräuschlos gelöst haben“, so Detzer. Gerade in der Pandemie sei es wichtig, dass „man seine Hausaufgaben macht“.

Die CDU hat laut Detzer kein gutes Bild abgegeben. „Sie hat aus der Kandidatenauswahl einen Boxkampf zwischen zwei Alphatieren nach dem K.o.-Prinzip gemacht“, sagt die Grünen-Politikerin. Armin Laschet habe jetzt die schwierige Aufgabe, „seinen eigenen Laden zu einen. Ich beneide ihn nicht.“

Auch der Landtagsabgeordnete Markus Rösler aus Vaihingen zeigt sich von Baerbock überzeugt: „Was konnte uns Grünen denn Besseres passieren als die Kür einer Kandidatin als Luxusproblem – der Auswahl zwischen zwei exzellent geeigneten Menschen?“ Sie zeige hohe Fachkompetenz, sei als Mutter empathisch und denke nachhaltig. Rösler erwartet sich von Baerbock die Glaubwürdigkeit, in der Bundespolitik einen neuen Aufbruch zu wagen, die Verbindung der immer noch unterschiedlichen Interessenslagen und Probleme in West- und Ostdeutschland sowie einen teamorientierten Politikstil gemeinsam mit Robert Habeck. Die beiden seien zwei außerordentlich gut harmonierende Persönlichkeiten. Rösler: „Das ist also kein Kurzzeit-Strohfeuer-Effekt.“

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