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Tafelläden

Armut macht keine Corona-Pause

Mehr als die Hälfte der Tafeln in Deutschland haben derzeit geschlossen. Dabei sind sie gerade jetzt besonders relevant. Die Tafeln sind für Menschen, die nur wenig Geld zur Verfügung haben, eine wichtige Anlaufstelle, um sich mit Dingen des täglichen Bedarfs zu versorgen. Und die Mitarbeiter der Tafeln haben diejenigen im Blick, die unter keinen Rettungsschirm fallen.

Einkaufen bei der Tafel geht derzeit auch nur mit Mundschutz. Foto: dpa
Einkaufen bei der Tafel geht derzeit auch nur mit Mundschutz. Foto: dpa

Ludwigsburg. Bei Anne Schneider-Müller steht in diesen Tagen das Telefon kaum still. 38 Mal habe allein sie an diesem Vormittag zum Hörer gegriffen. „Es rufen viele unserer Kunden an und fragen, ob wir geöffnet haben“, erzählt die Geschäftsführerin der Ludwigstafel. Andere wollen Lebensmittel spenden, ihre Sorgen loswerden oder ihre Mitarbeit anbieten. „Es ist eine unglaubliche Welle der Solidarität, die wir momentan erfahren“, sagt sie. „Das freut mich ganz arg!“

Die Tafelarbeit in Zeiten von Corona ist eine andere als sonst. Einige Tafelläden im Landkreis hatten geschlossen, Eglosheim und Grünbühl sind nach wie vor zu, ebenso die Vaihinger Tafel. Die Ludwigstafel ist die größte Tafel im Kreis. Sie ist nach wie vor geöffnet, doch statt wie gewohnt den Tafel-Laden zu öffnen, wurden in den letzten Wochen Tüten gepackt und gegen einen geringen Betrag verkauft. „Seit letzter Woche haben wir den Laden wieder wie gewohnt geöffnet, allerdings mit verkürzten Öffnungszeiten“, so Schneider-Müller.

Denn die Zahl der Ehrenamtlichen ist aufgrund der Corona-Pandemie extrem gesunken. „Über 80 Prozent unserer Mitarbeiter sind jetzt nicht mehr da weil sie zum Beispiel aufgrund ihres Alters zur Risikogruppe zählen.“ Auf viele langjährige Helfer kann Anne Schneider-Müller derzeit nicht zurückgreifen. „Manchen mussten wir es regelrecht verbieten, zur Tafel zu kommen.“ Nur sechs Prozent der Helfer sind jünger als 30. „Wir bräuchten dringend Ehrenamtliche, die etwas jünger sind und nicht schon im Rentenalter.“ Das erklärt die Tafel-Geschäftsführerin auch so manchem Anrufer in diesen Tagen, der seine Hilfe anbietet. Und sie fürchtet, dass manch einer nicht mehr zur Tafel zurück kommt, wenn die Corona-Ausnahmesituation zu Ende ist. „Ich denke, da werden wir einen großen Einbruch bei den Ehrenamtlichen haben.“

Auch die Kunden sind in diesen Tagen weniger als sonst. Kommen normalerweise bis zu 130 Personen pro Tag in die Saarstraße, sind es derzeit in etwa 80. „Auch unsere Kunden haben Angst vor einer Infektion und gehen weniger aus dem Haus.“ Dabei sei der Bedarf nicht weniger geworden. „Manche kommen täglich, weil sie sonst nicht über die Runden kommen.“ Im Übrigen könne man ausnahmsweise auch einen Einkauf für andere aus der Tafel mitbringen. „Das kann auch machen, wer keinen Berechtigungsschein bei uns hat.“ Voraussetzung sei, dass man den Tafel-Ausweis sowie eine Vollmacht desjenigen habe, für den man etwas mitbringen möchte.

Die Tafeln, so sagt Schneider-Müller, sind derzeit so wichtig wie nie. „Familien erleben momentan eine enorme Belastung. Da fallen bezuschusste Schulessen weg, die Mittagstische haben alle geschlossen und durch die Hamsterkäufe der vergangenen Wochen waren auch die günstigen No-Name-Produkte im Supermarkt ausverkauft. Das ist für unsere Kunden ein teurer Einkauf.“ Wer da keine geöffnete Tafel in der Nähe habe, habe deutlich mehr Ausgaben.

Gleichzeitig erleben die Tafeln eine große Solidarität in der Bevölkerung. „Uns rufen Menschen an und fragen, ob sie uns zwei Packungen Milch spenden können, ob wir geöffnet haben.“ Natürlich darf die Milch gespendet werden. „Andere überweisen uns anonym 50 Euro.“ Kirchengemeinden stellen Sammelkisten auf, in die Gemeindemitglieder Lebensmittelspenden einlegen können. „Eine Gemeinde aus Möglingen kommt fast zweimal die Woche mit einer vollen Kiste zu uns.“ Ein Ludwigsburger Gastronom bringt der Tafel regelmäßig etwas mit, wenn er zur Metro fährt. Serviceclubs wie Lions, Rotary und Inner Wheel unterstützen die Tafel ohnehin regelmäßig. „Das Spendenaufkommen ist vergleichbar wie sonst“, sagt Schneider-Müller. Doch sie spüre, wie die Bevölkerung ganz bewusst auch an die denke, die auf der Schattenseite des Lebens stehen.

Der Blick in die Zukunft bereitet der Tafel-Geschäftsführerin Sorge. „Die meisten bekommen jetzt noch Kurzarbeitergeld. Aber nicht für jeden wird es in ein paar Monaten weitergehen. Wenn es dann in die Arbeitslosigkeit geht, werden wir wohl auch neue Gesichter sehen.“

Info: Der Laden der Ludwigstafel in der Saarstraße 25 ist täglich von 13.30 bis 16 Uhr geöffnet. Es gilt auch hier Maskenpflicht, Masken können gestellt werden. Kinder erhalten keinen Einlass.

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