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Theo-Lorch-Werkstätten

Schwieriger Weg in die Normalität

Langsam, ganz langsam kehrt die Normalität bei den Theo-Lorch-Werkstätten zurück. Von heute auf morgen hatten die Menschen mit Behinderung nicht mehr an ihre Arbeitsplätze gedurft, jetzt lockert sich das Verbot. Mit welchen Schwierigkeiten die Einrichtung in den vergangenen Monaten und Wochen zu kämpfen hatte, schildert Geschäftsführer Stefan Wegner.

Bereits im Frühjahr waren Trennscheiben an den Arbeitsplätzen angebracht worden, jetzt sind auch die Gruppen neu geordnet.Archivfoto: privat
Bereits im Frühjahr waren Trennscheiben an den Arbeitsplätzen angebracht worden, jetzt sind auch die Gruppen neu geordnet. Foto: privat
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Kreis Ludwigsburg. Der 20. März war ein Freitag; am Tag davor hatte das Sozialministerium per Erlass ein Betretungsverbot für die Mitarbeiter – in diesem Fall die behinderten Menschen – in allen Einrichtungen der Theo-Lorch-Werkstätten verfügt.

Betroffen waren rund 850 Menschen in den fünf Häusern in Ludwigsburg, Bietigheim und Großbottwar. „Das war eine noch nie da gewesene Situation in den 51 Jahren unseres Bestehens“, sagt Geschäftsführer Stefan Wegner in einem Gespräch mit unserer Zeitung, das coronabedingt per Videokonferenz stattfindet.

Das Betretungsverbot ist inzwischen aufgehoben worden, weshalb zunächst 25 Prozent der Mitarbeiter – knapp 200 Menschen – zurückkommen konnten. Mittlerweile besteht auch keine prozentuale Begrenzung mehr, sofern die strengen Schutzmaßnahmen eingehalten werden. Und damit gehen die Schwierigkeiten gerade so weiter, auch wenn Geschäftsführer Wegner lieber von Herausforderungen spricht. Geplant ist ein Hochfahren mit Augenmaß auch im Schichtbetrieb, „das wird ein wahnsinniger Kraftakt“, sagt Stefan Wegner; im Blick hat er eine Vollbelegung bis Juli.

Bestand in den ersten Tagen der Coronapandemie die große Aufgabe darin, den Kontakt zu den behinderten Mitarbeitern aufrecht und die Produktion am Laufen zu halten (Wegner: „Wir sind ein Wirtschaftsbetrieb!“), so stellen sich inzwischen andere Fragen: Gibt es genügend Platz und Personal um einen Schichtbetrieb aufzubauen? Wie reagieren die Träger der Wohnheime, in denen die behinderten Mitarbeiter leben? Wie sieht es finanziell aus?

Während die Mitarbeiter zu Hause bleiben mussten, hat das – nicht behinderte – Personal deren Arbeit übernommen, zumindest teilweise. So konnten heikle Abrufartikel pünktlich geliefert werden. „Dafür haben wir viel Anerkennung von unseren Auftraggebern bekommen“, sagt Wegner, „das macht mich sehr stolz.“ Aber: Ohne die Beschäftigten sei es nicht möglich, 100 Prozent der Wirtschafts- und Dienstleistungen zu erbringen, zumal auch bei einem Teil der Vertragspartner Kurzarbeit angesagt war. „Wir liegen 50 Prozent unter unserer Wirtschaftsleistung und haben ein massives finanzielles Problem“, sagt der Geschäftsführer; er spricht von einem sechsstelligen Betrag, den die Einrichtung im Monat minus macht.

Für den Mai hatten auch die Theo-Lorch-Werkstätten Kurzarbeit angemeldet; zwischen 50 und 80 Prozent war die Arbeit für das 220-köpfige, nicht behinderte Personal heruntergefahren worden. 20 Prozent Lohn hatte die Einrichtung zum Kurzarbeitergeld draufgelegt, damit die Nettobelastung für die Mitarbeiter geringer war. Entlassungen soll es nicht geben.

Das Geld von den Kostenträgern – Landratsamt, Agentur für Arbeit, Rentenversicherung und Pflegekasse sei dankenswerterweise geflossen, sagt Wegner, „auch wenn wir unseren originären Betreuungsauftrag nicht mehr wahrnehmen konnten.“ Die Gespräche mit dem Sozialdezernenten des Landratsamtes seien jedenfalls sehr konstruktiv gewesen.

Dafür hatten die Werkstätten auch kostenlos Personal „entsendet“, um die Teams in den Wohnheimen zu entlasten. Da habe es auch kein Murren beim Personal gegeben.

Ein glücklicher Tag war jedenfalls der Tag der Rückkehr: Stefan Wegner und Pressesprecherin Isabell Brando holten die ersten Rückkehrer am Haupteingang ab. „Wir haben uns alle gefreut wie Bolle!“, sagt Isabell Brando. Vorher waren enorme Vorbereitungen nötig gewesen: Abstandsmarkierungen, Plexiglastrennscheiben zwischen den Arbeitsplätzen, versetzte Pausen und auch der Transport zu den Werkstätten musste organisiert werden. Isabell Brando: „Voll besetzte Busse sind Geschichte!“

Die Mitarbeiter zeigten sich sehr diszipliniert, sie halten sich an die Abstandsregeln, sitzen im Speisesaal nur zu zweit am Sechsertisch und sind – so die Beobachtung von Stefan Wegner und Isabell Brando, einfach dankbar wieder bei ihrer Arbeit und ihren sozialen Kontakten zu sein.

Schwierig sei die Entscheidung gewesen, wer zuerst zurückkommen darf. Den Ausschlag gab dann die Frage, wo die Not am größten ist und betreuende Eltern über Gebühr belastet sind. Die Träger der Wohnheime sähen es dabei offenbar nicht ungern, wenn ihre Bewohner weiter im Haus bleiben. Zu groß ist die Furcht vor einer Infektion.

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