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Durch diese hohle Gasse kommen wir

In sieben Tagen mit dem Bus, der Bahn und auf dem Schiff durch die grandiose Bergwelt der Westschweiz.

„Sechs Franken bitte.“ Mit einem herzlichen Lächeln präsentiert die freundliche Bedienung die Rechnung für eine kleine Tasse Cappuccino, umgerechnet genau fünf Euro.
Ja, die Schweiz ist teuer, aber auch unvergleichlich schön. Nicht umsonst kommen die Touristen aus aller Welt, derzeit überwiegend wohlhabende Inder und Chinesen. Sie fahren für 150 Euro auch bei Nebel mit der Bahn aufs 3471 Meter hohe Jungfraujoch „Top of Europe“, kaufen teure Uhren und zahlen ausschließlich mit Karte.
Die Juweliergeschäfte in Interlaken und Gstaad beschäftigen chinesische Verkäuferinnen. Außen steht: Wir sprechen auch deutsch. Ein indisches Bergrestaurant auf dreieinhalbtausend Meter Höhe nennt sich „Bollywood“.
Damit wird jede Attraktion zur hohlen Gasse, durch die er kommen muss, der Ludwigsburger. Doch nimmt man ihm heute nur sein Geld, nicht gleich sein Leben, wie weiland Wilhelm Tell sich am Landvogt Gessler rächte.
Fast 160 Leserinnen und Leser machen sich so auf den Weg, den Südwesten der Schweiz zu erkunden. Bei bestem Wetter erleben sie Luzern, Interlaken, die Kleine Scheidegg mit Eiger, Mönch und Jungfrau, Gstaad, Montreux, Chamonix und Mont-Blanc (Frankreich), Brigg, Domodossola (Italien), Locarno und Ascona im sonnigen Tessin.
Sie fahren auf dem Brienzer See mit dem Schiff und dem Sonderzug vom Berner Oberland hinunter an den Genfer See oder mit der Centovalli-Bahn an den Lago Maggiore.
Dabei werden 1200 km per Bus, 250 km per Bahn und 15 km auf Schiffen zurückgelegt. Veranstalter Hermann Waidmann, selbst mit vor Ort, hält unterwegs einige Überraschungen parat: Zu Alphornklängen schnabulieren die Gäste in Gstaad herzhaften Hobelkäse, in Brigg leckeres Raclette. Auch an kühlem Fendant, dem kräftigen Walliser Weißwein wird nicht gespart.
Apropos Weißwein. Nach Einführung der neuen Rechtschreibung hat die Schweiz ein Problem nicht: Hier gibt es kein „ß“ und somit nicht bloß Weisswein – auch Ruß wird zum Russ.
Käse scheint übrigens das einzige Schweizer Produkt zu sein, das relativ erschwinglich ist: Zwei Franken kosten hundert Gramm. Oskar, Otto, Urs und Bernhard, Eidgenossen und Reiseleiter der vier begleitenden Busse, preisen ihn und ihr Land denn auch hoch an.
Etwas behäbig sind sie aber schon, unsere Nachbarn. Ist etwas sehr gut oder gelungen, heißt es ganz bescheiden: „Tiptop, odr, hä?“. Ganz selten, wie während der WM-Vorrunde, lassen sie sich sogar zu einem Hupkonzert nachts um zwölf hinreißen. Schweiz: drei Tore, Honduras: null. Hup Schwiiz!
Sogar schwarzer Humor kommt vor: Nach der Überfahrt zu den im Lago Maggiore gelegenen Brissago-Inseln entlässt der Skipper die 160 Schwaben von seinem Boot mit den Worten: „Prego, Lampedusa!“
Während in Montreux die Vorbereitungen zum 43. Jazz- Festival laufen, ist das 30. Jazz Ascona in vollem Gange. Auf vier Bühnen der Uferpromenade jammen zahlreiche Bands internationalen Ranges, außer am Wochenende sogar gratis! Die Schweiz beginnt richtig Spaß zu machen.
Weniger Grund zur Freude hatte 500 Jahre zuvor Francois Bonivard, der Gefangene von Chillon, dessen Kerker auf gleichnamigem Schloss im Genfer See noch heute besichtigt werden kann. Kein Geringerer als der englische Romancier Lord Byron widmete ihm eines seiner bekanntesten Gedichte.
Die Ludwigsburger genießen indes die Musik des Maggiatals. Das sind furchtbar laut kreischende Räder der Centovalli-Bahn, die sich über zahlreiche Kurven von Domodossola, wo der Cappuccino plötzlich nur noch 1,30 Euro kostet, hinunter nach Locarno windet.
Zum Abschluss genießen alle zwei Tage Blumenschweiz: das Tessin. Denn hier, unter Palmen, fand schon Hermann Hesse sein Paradies auf Erden.

 

Info: Weitere Bilder gibt es ab Dienstag auch auf Foto-DVD bei der LKZ.
Die Kreuzfahrt ins östliche Mittelmeer im Oktober ist bereits ausgebucht. 2015 geht es im Juni über Dresden und Breslau nach Krakau und zurück über Ludwigsburgs neue Partnerstadt Novi Jicin und Prag. Im November ist wieder eine Fernreise in Planung: Vietnam. Weitere Informationen und Aufnahme in die LKZ-Reisedatei unter (0 71 41) 1 30-2 19 o. 3 17.