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Bauwirtschaft vor schwierigen Zeiten

Branche korrigiert ihre Wachstumserwartung nach unten und rechnet mit einem Umsatzvolumen auf Vorjahresniveau

Der Bau muss in Folge der Coronapandemie Auftragsverluste hinnehmen. Foto: BW/p
Der Bau muss in Folge der Coronapandemie Auftragsverluste hinnehmen. Foto: BW/p

Stuttgart/Kreis Luwigsburg. Die Bauwirtschaft blickt eher pessimistisch in die Zukunft. Zwar sei die Branche im Vergleich zu anderen bisher gut durch die Coronakrise gekommen, sagte Markus Böll, der Präsident der Bauwirtschaft Baden-Württemberg,am Donnerstag in Stuttgart. Der Blick auf die Halbjahreszahlen zeige jedoch, dass der Bau jetzt auch die konjunkturellen Folgen der Pandemie spürt. Böll appelliert an die Politik und die öffentliche Hand, größere Anstrengungen zu unternehmen, um „den Bau am Laufen zu halten“. Schließlich habe die Branche sich in Coronazeiten zu einem „Zugpferd der Wirtschaft gemausert“.

Auch Hermann Lorenz aus Großbottwar, der Obermeister der Bauinnung Stuttgart, Ludwigsburg, Rems-Murr, zeigt sich verhalten optimistisch. Seine Innung hat 142 Mitgliedsunternehmen, davon sind 40 Betriebe im Landkreis Ludwigsburg. „Corona trifft den Bau nachgelagert“, stellt Lorenz fest. Für die Baufirmen in der Region laufe es im Tief- und Gewerbebau nicht mehr ganz so gut. Gut gehe der Wohnungsbau. „Betongold ist sehr gefragt“, sagt Lorenz. Vor allem im sogenannten Speckgürtel rund um Stuttgart. Hier sei eher ein Mangel an Bauplätzen zu beklagen. Dennoch will Lorenz nicht ausschließen, dass auch beim Wohnungsbau die Nachfrage zurückgeht. Die nachlassende Konjunktur, die Krise der Autobranche, Kurzarbeit und Homeoffice hätten bei potenziellen Bauherren doch zu Verunsicherungen und Zurückhaltung geführt.

Die Nachfrage habe stark nachgelassen, berichtet Landesbaupräsident Böll. Sorge bereite der Branche vor allem der Straßenbau, der ins Stocken geraten sei, und der Wirtschaftsbau. Viele Unternehmen stellten Bauvorhaben erst einmal zurück. Dennoch sei es den Bauunternehmen mit 20 und mehr Beschäftigten gelungen, im ersten Halbjahr 2020 rund 6,3 Milliarden Euro zu erwirtschaften, was einem Umsatzzuwachs von 4,2 Prozent entspricht.

Für die Bauwirtschaft rechnet Böll für das laufende Geschäftsjahr mit einem Umsatzvolumen bestenfalls auf Vorjahresniveau, das er für alle Bausparten auf 19 Milliarden Euro beziffert. Böll will sogar ein Minus, das bei drei Prozent liegen könnte, nicht ausschließen. Damit korrigiert der Verband seine Prognose für die Bauwirtschaft im Land deutlich nach unten. Anfang des Jahres war noch mit einem Plus von fünf Prozent gerechnet worden.

Wenig zuversichtlich stimmt Böll die Auftragsentwicklung. 13 Prozent weniger Auftragseingänge haben die Betriebe im ersten Halbjahr im Vergleich zum Vorjahr zu verzeichnen. Besonders stark ist mit 25 Prozent der Nachfragerückgang im Wirtschaftsbau und mit 14,7 Prozent im Straßenbau. Eine Ursache dafür ist laut Bauwirtschaftsverband, dass einige Kommunen kurzfristig Haushaltssperren verhängt hätten. Die Kommunen hätten ihre Bauvorhaben deutlich zurückgefahren. „Wir leben von Altaufträgen, es kommt nichts nach“, klagt Böll, und er warnt: „Die fehlenden Aufträge von heute sind die Umsatzrückgänge von morgen.“ Es komme jetzt darauf an, dass das Geld aus dem Konjunkturpaket des Bundes in die Bauwirtschaft fließe.

Der Wohnungsbau ist laut Böll der Hoffnungsträger der Branche. Im ersten Halbjahr gibt es in diesem Bereich trotz Coronakrise ein Auftragsplus von 9,4 Prozent, die Wohnbaugenehmigungen sind um acht Prozent und die Umsätze um mehr als zehn Prozent gestiegen.

Die Pandemie hat den Bauunternehmen in der Region bisher kaum zugesetzt. Nicht nur, dass es so gut wie keine Kurzarbeit gibt. Auch Arbeitsausfälle wegen infizierter Mitarbeiter sind nicht vorgekommen. „Mir ist kein einziger Betrieb bekannt, der einen Coronafall hatte“, berichtet Obermeister Lorenz für die Innung Stuttgart, Ludwigsburg, Rems-Murr. Alle Betriebe hätten ihre Hygiene Maßnahmen verbessert und den Mitarbeitern zum Beispiel mehr Waschgelegenheiten und Desinfektionsmittel zur Verfügung gestellt. Auch seien mehr Fahrzeuge eingesetzt worden, um die Mitarbeiter zur Baustelle zu bringen.

Mathias Waggershauser, der Vizepräsident der Bauwirtschaft Baden-Württemberg, warnt vor weiter nachlassenden Ausschreibungen der Kommunen beim Straßenbau. Es dürfe nicht auf Investitionen in den Straßenbau verzichtet werden, um Geld zu sparen und um Schulden zu reduzieren. „Bauen nach Kassenlage darf nicht sein“, fordert Waggershauser. Vor allem die neu gegründete Autobahn GmbH des Bundes ist der Bauwirtschaft ein Dorn im Auge. Seit Januar ist sie allein für Planung, Bau und Betrieb von Bundesfernstraßen zuständig. Die Autobahn GmbH komme nicht in die Gänge, kritisiert Waggershauser, der befürchtet, dass die Autobahn GmbH einen Vergabestopp verhängt. Er warnt nun vor einem „gewaltigen Auftragsloch“ für seine Branche und appelliert an Bund und Länder, sich auf eine sinnvolle Aufgabenverteilung und Planungsverantwortung zu einigen.

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